Erotik und Stimme

von Olaf Nollmeyer

Erotik als kommunikatives PhÀnomen

Wie jedes kommunikative PhĂ€nomen (vergleiche auch die Komik) ist erotische Wirkung nicht kontextunabhĂ€ngig zu erleben oder zu beschreiben. Zum Kontext gehören kulturelle Kodierungen und persönliche Biografie innerhalb dieser. Entsprechend der Vielzahl an möglichen kulturellen Kodierungen sowie der noch grĂ¶ĂŸeren Anzahl an Möglichkeiten eines Umgangs mit ihnen, ist eine einzige oder eindeutige Beschreibung nicht zu liefern: Dem Einen liegen die Dicken, dem Andern die DĂŒnnen, Eine mag BĂ€rte, die Andere Knaben, die Dritte Uniform. Manche Vorlieben unterliegen Tabus, und was Tabu ist, unterscheidet sich von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort. Was mir unvorstellbar erscheint (Erotik des Faschismus oder eines noch blutwarmem, getöteten Pferds) ist anderen lustvolle Fantasie oder Tat. Und umgekehrt.

 Im Folgenden beschreibe ich eine Art der Erotik, eine erotische Konstellation, die zur Zeit in westlicher Kultur zu den offiziell akzeptierten Spielarten gehört und in weiten Kreisen als solche verstanden, erlebt und gelebt wird.  

 Voraussetzungen fĂŒr Erotik

Physische NĂ€he ist Voraussetzung fĂŒr IntimitĂ€t. Wen lasse ich „im wirklichen Leben“ so nah an mein Ohr, daß ich ihre kleinsten AtemluftgerĂ€usche hören kann? Keinen Vorgesetzten, keinen Kollegen etc. Physische NĂ€he als solche fĂ€llt schon in den Bereich des Privaten/Intimen.

Umgekehrt: Wie erotisch können Sie quer ĂŒber den Fußballplatz brĂŒllen? Wie kann physische Entfernung erotisch wirken? Im Bereich des Sehens ist das natĂŒrlich schon möglich, stellt vielleicht sogar einen typischen Fall dar: der heimliche Blick quer ĂŒber den Hinterhof ins Badezimmer eines/einer Unbekannten. Oder nehmen Sie Goethes Werther, der Lotte aus der Kutsche heraus im TĂŒrrahmen stehen sieht  (wichtig: der Rahmen rahmt die Person, die begehrlich wird, das explizit Bildhafte – also im Grunde Alltagsfremde,  ist typisch fĂŒr visuelle Erotik; vgl. Roland Barthes in Fragmente einer Sprache der Liebe.)

 Im Bereich des Akustischen aber, der Stimme also, ist ein bestimmter Grad von NĂ€he zwingend erforderlich. Einen extrem wichtigen Sonderfall hierzu stellen die elektrischen Medien wie das Telefon, Mikrofon, Radio und Film dar. Dazu mehr weiter unten.

 Stimmeigenschaften der erotischen Stimme

Die folgenden Aspekte charakterisieren den erotisch-intimen Ausdruck der Stimme.

  1. Ein geringer bzw. rasch abfallender Atemdruck. „StĂŒtze“ oder „AtemfĂŒhrung“, wie die Begriffe schon sagen, haben mit Kontrolle zu tun, der SeufzĂ€hnlich abfallende Atemdruck, der dem nicht-sprechenden Atemverhalten Ă€hnelt (z.B. die im VerhĂ€ltnis zum Sprechen oder Singen kurze Ausatmungszeit) reprĂ€sentiert eher das Gegenteil – das Loslassen von Spannung, da Auf – oder Nachgeben.
  2. In Verbindung mit dem relativ geringen, bzw. rasch abfallenden Atemdruck steht ein erhöhter oder sich erhöhender Hauch – Luftanteil.
  3. VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸig starke Randkantenschwingung.
  4. Geringe LautstĂ€rke – dies hĂ€ngt auch mit den unter Punkt 1, 2 und 3 genannten PhĂ€nomen zusammen.
  5. Eine relativ tiefe Stimmlage.
  6. Die Satzmelodie Àhnelt öfter als sonst dem Seufzen (Das Seufzen beinhaltet ebenfalls die unter Punkt 1 und 2 genannten PhÀnomene)

 Umkehrung

Stellen Sie sich zum Spaß einmal die fĂŒr TragfĂ€higkeit oder DurchsetzungsfĂ€higkeit notwendigen Eigenschaften im Kontext von physischer NĂ€he vor, z. B.: Vollschwingung bei höherer LautstĂ€rke und ein gut ausgeprĂ€gter SĂ€ngerformant direkt am Ohr.

 Stimme und Medium

Ein Mikrofon – etwa das einer Freisprechanlage, das in einer Telefonmuschel oder der ans Revers (busen- bzw. herzensnah!) geklemmte Mikroport - sind Mund, Nase und Körper so nah, wie sonst nur ein geliebter/vertrauter Mensch. (ÜbertrĂŒge ein Mikrofon auch WĂ€rme und Körpergeruch -  Mikrofone stĂŒnden wieder auf StĂ€ndern in gebĂŒhrlichem Abstand zum Sprecher - oder? Mediale NĂ€he darf nicht vollstĂ€ndig sein. Es soll ja etwas verkauft werden. Das geht nur vermittels Erzeugung eines MangelgefĂŒhls) 

 

So erzeugt die per Mikrofon ĂŒbertragene Stimme im Hörer, der diese Hörerfahrung in seinem „realen“ - sprich: körperlichen - Leben nur aus Intimbeziehungen kennt, den Eindruck der persönlichen NĂ€he, die Erotik ermöglicht.

Das MĂ€dchen aus dem brasilianischen Badeort

Das technische Medium erleichtert es dem Sprecher oder SĂ€nger, erotisch-intime QualitĂ€ten an den Hörer zu bringen. Astrud Gilberto hat diesen Zusammenhang als eine der ersten (berĂŒhmt gewordenen) SĂ€ngerinnen bewusst eingesetzt – „The girl from Ipanema“ ist ein Klassiker wahrscheinlich weniger in Bezug auf die Komposition (zeittypischer Bossanova) als vielmehr in Bezug auf Gilbertos Art, ihn zu singen. Um sich das zu verdeutlichen, stellen Sie sich im Gegensatz zur bekannten Version das Lied einmal „gut gesungen“ (also ohne Hauch, dafĂŒr mit Vibrato und SĂ€ngerformanten im Stil einer OpernsĂ€ngerin) vor! 

Physiologie, Wirkung und  Bedeutung

Ein hörbarer Luftanteil in der Stimme löst bei Stimmtherapeuten und -Lehrern oft einen Diagnose- und Therapiereflex aus: „Das ist nicht gut- aber wir werden’s schon richtig hinbiegen!“ 

 Nun ist Physiologie fĂŒr sich genommen aber bedeutungslos. Zwei Meter und zehn groß zu sein hat keine Bedeutung – es sei denn in Bezug auf Kleiderkauf (ungĂŒnstig), den Einstieg ins Auto (Vorsicht! Ducken!) oder aufs Basketballspielen (prima). BezĂŒge sind aber wĂ€hlbar, betreffen Entscheidungen, Lebensstil, Geschmack, WĂŒnsche, Zielvorstellungen usw. Wie jemand Etwas (z.B. eine physiologische Tatsache) auf sich bezieht, wie er damit umgeht und welche Funktion dieses Etwas fĂŒr ihn erfĂŒllt – das umfasst die gesamte Person und liegt nur in ihrem  Ermessens- und Verantwortungsbereich. 

 Physiologie und Gebrauch

Stellt man nun beispielsweise fest, jemandes Stimmlippen schlössen nicht vollstĂ€ndig, ergo höre man Luft im Klang – so ist dies eine Feststellung in Bezug auf den Gebrauch: Die Person macht es so.

Und die Person kann in der Lage sein, einen ungeheuer differenzierten Gebrauch von seinem (primĂ€ren) Gebrauch zu machen. KĂŒnstlerische (oder allgemeiner: kommunikative) QualitĂ€t hĂ€ngt nicht unmittelbar mit der Physiologie, bzw. dem Gebrauch, den jemand von seinen physiologischen Möglichkeiten macht, zusammen: Eine Untersuchung in Bezug auf die VerschlussfĂ€higkeit von Stimmlippen gibt keinerlei Aufschluss darĂŒber, ob die Person, deren Stimmlippen so schließen, ein fantastisches Konzert gibt, einen eindringlichen Vortrag hĂ€lt oder ein wunderbares BeratungsgesprĂ€ch fĂŒhrt - oder ob nicht.

 Ebenso wenig, wie ein Sehtest (der Autor wurde zuletzt mit 120 Prozent Sehkraft getestet – seine Zeichnungen aber – na ja – sie lassen zu wĂŒnschen ĂŒbrig) einem die Aufnahme in eine Kunstakademie ermöglicht oder gar garantiert („Sie mĂŒssen mich aufnehmen – ich habe beste Werte! Das ist eine Tatsache! Schauen Sie nur ...“), sagt ein Test etwa der medialen Kompression kaum etwas darĂŒber aus, ob einer ein guter Schauspieler sein kann oder ob nicht.

 DarĂŒber hinaus können die Stimmlippen ja beim Test auch durchaus wunderbar schließen – nur nach drei Stunden Probe oder sechs Stunden in einem durchschnittlichen SchulgebĂ€ude mit ĂŒblichem LĂ€rmpegel eben nicht mehr. Die Feststellung eines momentanen objektiven Werts ist eine Frage des Gebrauchs. Und hier wird es ja auch erst wirklich spannend. Denn Gebrauch ist wandelbar, verĂ€nderlich – lernbar.

Wahlmöglichkeiten

Zwei interessante Angebote kann ein Sprech- oder Stimmlehrers einem Sprecher oder SĂ€nger machen:

1.     seine Wahlmöglichkeiten auf der Basis seiner momentanen Physiologie (seinem „primĂ€ren Gebrauch“) vergrĂ¶ĂŸern

2.     neue Wahlmöglichkeiten im Bereich des „primĂ€ren Gebrauchs“ zu geben

 Der erste Punkt betrifft Fragen wie

  • In welchen Situationen kommt Ihnen diese Stimmeigenschaft zupass?
  • In welchen könnte Sie Ihnen darĂŒber hinaus hilfreich sein?
  • Wie variabel sind Sie mit diesem Stimmgebrauch?
  • etc.

 Der zweite Punkt betrifft die stimmarbeitstypischen Fragen wie:

  • Welche LautstĂ€rke fördert/erfordert einen bessern Verschluß?
  • Welche Bewegungen, Haltung, Artikulationsbewegungen fördern einen besseren Verschluß?
  • Welche Vokale fördern einen ... ?
  • Welche VokalfĂ€rbungen fördern ... ?
  • Welche Dynamik – Vokalkombination fördert ... ?
  • Die VerstĂ€rkung welches Klangbereichs fördert ... ?
  • Der Klangkontakt zu welchem Klangbereich (Tiefe – Vokalformant 1 oder 2 – SĂ€ngerformantbereich) fördert ...?
  • usw.

Kann man die erotische Stimme bewusst einsetzen?

Klar. Üben Sie dafĂŒr einfach die oben unter „Stimmeigenschaften der erotischen  Stimme“ beschriebenen Aspekte. Beobachten Sie einmal Ihre Stimme am Telefon, wenn Sie flirten, oder verstĂ€ndnisvoller Zuhörer sind. Überlegen Sie im Kino oder vorm Fernseher, wo die Mikrofone in entsprechenden Szenen wohl platziert sein mögen (manchmal möchte man glauben, es handele sich um Minimikrofone, die irgendwo im Rachen selbst angebracht seien, so atemgerĂ€uschsensibel sind sie eingestellt bzw. so wird der Klang gefiltert und bearbeitet). Beobachten Sie, wie Sie stimmlich auf NĂ€he reagieren – wie verĂ€ndert sich Ihre Stimme, wenn Sie mit dem MarienkĂ€fer auf Ihrem Handteller sprechen? Wie redet einer mit seinem Schoßhund?

Erotik und Alter

Und ein anderer interessanter Aspekt zum Schluss: In welchem Alter taucht die erotische Stimme auf? Wann haben Sie sie das erste Mal an sich bemerkt?

 Andere, zu anderen Formen der Erotik gehörende Stimmtypen können völlig kontrĂ€r zu dem bisher Beschriebenen laufen.  Entsprechend der Vorbemerkungen des ersten Absatzes kann jede Form erotische Wirkung besitzen. Bei manchen wird es Ihnen lustig vorkommen, sie sich vorzustellen, sie sich als erotisierend vorzustellen. Bei anderen erschreckend:

 

  • mĂ€dchenhaft (Girl from Ipanema)
  • jungenhaft (engelsgleich)
  • maskulin – bestimmend, brummend
  • rauh
  • sanft
  • hart
  • weich
  • KasernenhofgebrĂŒll
  • Jodeln
  • Jazzklischee-Stimme
  • Opernklischee-Stimme
  • „Amerikanische“ LĂ€chel-Stimme („Cheese!“ oder: der KĂ€se, der aus den Service-Hotlines tropft)
  • Popstimme aus den 50er Jahren; aus den 70er Jahren; aus den 90ern ...
  • Inuitgesang
  •  Nonnen- Mönchsgesang
  • etc.

P.S:

In „Die souverĂ€ne Stimme“(von Olaf Nollmeyer; GABAL Verlag; Buch mit Audio CD und interaktivem Stimmtraining) finden Sie Übungen und HintergrĂŒnde zu den genannten stimmlichen Eigenschaften und anderen mehr.