Die Stimme in der „Körperarbeit“

für Lehrer der Alexander Technik und des Feldenkrais, Cranio-Sacral Therapeuten und weitere Interessierte

Die Stimme in der Körperarbeit? Das wird normalerweise umgekehrt gedacht: Körperarbeit könne die Stimmfunktion fördern - aber so rum? Und dass die Stimme gar eine „Körpermethode“ erweitern könnte?

 

Neben gute Erfahrungen gibt es auch gute Gründe dafür, warum die Beschäftigung  mit Stimme und Klang lohnenswert ist für Berufsgruppen, die mit oder vermittels des Körpers am Menschen arbeiten. Stimme und Klang bieten dabei nicht nur den Schülern/Klienten neue Möglichkeiten, sondern können auch die  eigene Arbeitsmethode erweiten.

 

Es gibt  drei prinzipielle Möglichkeiten des Einsatzes der Stimme in die Körperarbeit:

  • Die Stimme des Klienten gibt dem Therapeuten Information über den Körper und den Menschen,  die auf anderem Wege nicht abrufbar wäre.
  • Die Stimme kann der Selbstwahrnehmung des Klienten manchmal besser helfen als andere Arten von Wahrnehmung (Spannungsfühlen, Bewegungsqualität,  visuelle Kontrolle von Haltung etc). Dies geschieht vermittels Vibrationsempfindung und Hören. So wird der Stimmklang für den Klienten zu einem Indikator für bessere Bewegung, an dem er sich orientieren kann.   
  • Der Therapeut kann seine eigene Stimme zugleich als „diagnostisches“ und als „therapeutisches“ Instrument benutzen.
  • Betrachten wir Stimme als Klangphänomen, lassen sich analog auch andere Klangerzeuger nutzen (z.B. Stimmgabeln, Klavier etc)

Themen sind unter anderem:

    • Die Klangstruktur
    • Das Hören
    • Rückwirkungen des Klangs auf den Körper

 

Zum ersten Punkt:

     Die Stimme des Klienten gibt dem geschulten Therapeuten Informationen über den Körper des Klienten, etwa: Muskeltonus, Atmung usw. Diese Informationen nutzen einen ganz anderen Weg als üblich: Nicht primär über die Augen und nicht primär über Berührung. Das hat für den Therapeuten mehrere Vorteile. Klang ist z. B. ein räumliches Phänomen. Daher kann (z.B.) das Mitklingen eines Brustkorbs während des Sprechens oder Singens das „Bild“ des Brustkorbs um Informationen ergänzen, die man vermittels visueller Beobachtung oder Betasten mittels Hände, nicht bekommen würde. Der Klang zeigt zudem immer den ganzen Raum, während man fürs Sehen den Körper umrunden muß, um alles nacheinander zu sehen. Der Klang gibt Informationen über Zustand und Funktion von innen liegenden Teilen, die man nie ertasten könnte und nicht sieht: Zwerchfell,  Zungenwurzel, weicher Gaumen, Rachen, Hals, Kehlkopf, Kehldeckel etc.

Zum zweiten Punkt:

    Die Selbstwahrnehmung in Bezug auf den Körper ist meist durch unendliches Anschauen von einschlägigen Bildern „Richtigen Sitzens“ „gesunder Haltung“ etc. völlig von Vor-Urteilen geprägt. Die Aufforderung, sich selbst wahrzunehmen wird oft als versteckter Vorwurf gedeutet: „Ach ja, ich sitze ja immer so krumm…“. Und dann verändert man die Sitzposition, ohne sie eigentlich eingehender wahrgenommen zu haben. Das ist nun bei der Selbstwahrnehmung in Bezug auf die Stimme nicht wesentlich einfacher („Ich kann nicht singen!“) ABER: Bei Klienten, denen es um vorrangig den Körper, um Verspannungen, Schmerzen oder Unbeweglichkeiten geht, ist das Hinlenken der Aufmerksamkeit aufs Hören eine willkommene Abwechslung. So, wie es für Sänger, die bislang immer vor allem nach dem äußeren Hören trainiert haben, eine Befreiung sein kann, beim Singen mal nicht hören zu müssen, sondern fühlen zu dürfen …

Beispiel:

    Leicht hört zum Beispiel jemand, wann er sich ineffizient bewegt (Beispiel aufstehen), oftmals hörte er es viel eher, als dass er es fühlen würde ("so stehe ich immer auf!").

    Wie das geht? Summen Sie einmal sehr zart im Sitzen. Und dann einmal während Sie aufstehen. Während der Übergabe des Gewichts von Becken an Füße (eine Schwelle, an der Viele gerne „Schwung“ nehmen), in dem Bereich, wo sich das Gesäß also von der Sitzfläche löst, wird die Stimme lauter/und oder enger/ und oder bricht kurzzeitig ganz ab. Es ändert sich also etwas Wesentliches im Verhältnis des Luftdruckes von unterhalb der Stimmlippen zum Verschluß der Stimmlippen selbst. Man macht im Aufstehen also mehr, als nötig wäre,  um aufzustehen. Dieses plötzlich übermäßige Anspannen ist hörbar. Der Stimmklang wird so zu einem Indikator für bessere Bewegung. Der Stimmklang wird für den Klienten zu einem Indikator für bessere Bewegung, an dem er sich orientieren kann.   

Zum dritten Punkt:

    Der Therapeut nutzt seine eigene Stimme, um dem Klienten Informationen zu geben. Wie das? Indem er zum Beispiel auf den Rücken des Klienten singt (dieser sitzt etwa oder liegt auf dem Bauch).

    Dabei hört der Klient die Stimme eines anderen nicht nur über den normalen Weg (Luft-Ohr) sondern auch über die Knochenleitung – ein spannendes und belebendes Erlebnis!

    Diese so genannte Knochenleitung ist nicht nur für die Wahrnehmung (und damit Steuerung) der eigenen Stimme wichtig, sondern gute Bewegung und Haltung lässt sich beschreiben als gutes „Ableiten des Gewichts“ an den Boden. Das ist eine Aufgabe des Skelettsystems. Wer diese Knochenleitung besser wahrnimmt, kann sich besser organisieren. 

    Das sensible Besingen des Rückens oder Gelenkes durch einen erfahrenen Stimmtherapeuten macht auch die Räumlichkeit und Tiefe des Körpers spürbar. (Problematische Körperteile im Schatten der Aufmerksamkeit tendieren dazu, als flach, klein oder hart wahrgenommen zu werden.)