NEUE REIHE:
Fröhliche Stimmkunst

Stimm - Mythen entzaubert!

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Fragwürdigkeiten auf dem Gebiet der Stimmbildung, die man ziemlich häufig in der Praxis antrifft, werden hier in lockerer Folge unterhaltsam per Film gezeigt - und befragt. Es finden sich Anknüpfpunkte zu weiterführender Beschäftigung.

Anlass

Idee zu dieser Serie war das Werbevideo eines Stimmtrainers bei youtube. Eine Gruppe Lernwilliger war da zu sehen, wie sie in einem schönen, von Nordmanntannen eingefassten Garten vor Rhododenronblüten im Kreise stehend den Bauchvorwölbekünsten des Trainers zuschauten um es ihm sodann nachzutun. - Ein heiteres Stück Netzkunst zum Thema “Nabelschau”!

Von Phänomenen, Übungen und Erklärungen

Was in den Filmchen auf dieser Seite gezeigt wird, ist, dass manche populäre Pauschalisierung zu Atmung, Artikulation und Haltung in Zusammenhang mit Leistungsfähigkeit oder Verständlichkeit der Stimme falsch sind.

    Sie zeigen, dass man etwa - entgegen einer oft vertretenen Meinung - den Kopf relativ beliebig halten, beugen oder strecken kann, ohne dass dies einen schädlichen Einfluss auf die Stimme hätte - und sogar ohne, dass man die jeweilige Position so ohne weiteres hören würde.

Wie es zu diesen und anderen Pauschalmeinungen kommen kann, durch welche Modelle oder Vorannahmen sie glaubhaft erscheinen, in welchem Kontext man das Körnchen Wahrheit daraus picken kann und warum sie gern geglaubt und vermittelt werden - das sind spannende Fragen, die den Rahmen dieser Seite sprengen.

    “Ist dann etwa die Artikulationsübung, bei der gymnastisch an Lippenweitung und Schnute gearbeitet wird, falsch?”

Die Erklärung, die zu einer Übung gegeben wird, kann falsch sein, die Übung dennoch in einer bestimmten Situation Sinn machen. (Jede Übung macht nur in  bestimmten Situationen Sinn, nicht in jeder.) Eine Übung kann nicht “falsch” sein.

    Es ist sogar gut möglich, dass Sänger oder Schauspieler, die ich bewundere, auf einen dieser oder auch auf alle diese Mythen schwören. - Das macht sie nicht wahr.

Behalten Sie also bitte im Hinterkopf, dass eine Fähigkeit ausüben und etwas über diese Fähigkeit aussagen zwei Paar Schuhe sind: Der geniale Fußballer mit dem Zuckerfuß kann uns zur Frage, wie er denn dieses Tor nun wieder so hingekriegt habe vielleicht nur sagen:

     “Ich hab einfach draufgehalten”

Nicht exklusiv - aber fokussiert

Die Filmchen zeigen nichts Exklusives, aber in Bezug auf das jeweilige Phänomen mit Deutlichkeit, wie variabel die Einstellungsmöglichkeiten für die Stimme sind. Nicht exklusiv sind sie, weil SängerInnen und SprecherInnen, Leute wie Du und ich alltäglich die unterschiedlichsten Dinge tun um die gleichen Vokale, Konsonanten, Tonhöhen und Registerübergänge herzustellen, die gleichen Emotionen oder Gedanken auszudrücken oder die gleiche Geschichte zu erzählen. 

WYSIWYG

Das ist Englisch und steht für “What you see is what you get”, also: “Du bekommst genau das, was Du siehst.”

Dies  ist eine Gemeinsamkeit der aufs Korn genommenen Anschauungen  - sie sind erstaunlich visuell orientiert. (Und erschweren dadurch auch das vorurteilsfreie Zuhören.) Dies mag sogar mit ein Grund für ihren Erfolg (ihre Verbreitung) sein:

    Es scheint doch offensichtlich, dass große und weite Bewegung von Lippen oder Kiefer der Artikuation förderlich sein, wohingegen eine geringfügige Bewegung derselben eben zu Nuscheln führen muß.

    Oder in Bezug auf die Atmung: Die Bewegung der Bauchdecke ist leichter sichtbar als die der Rippen, und da bei der Stimme doch gilt was sonst im Leben auch richtig ist: “mehr bringt mehr”, so muß doch die große Atembewegung Voraussetzung für den großen Klang sein! - Wer so denkt und “mehr Stimme” möchte, wird also  Wege suchen zu mehr Atmung, und die kann man doch  am Bauch so schön sehen.

Aufgrund der visuellen Orientierung der vorgestellten Mythen eignen sie sich auch für die Kontrastierung durch ein Video. Das Video bietet die Möglichkeit, die jeweiligen Klangfolgen im Wechsel einmal nur anzuhören und dann einmal zu hören & zu sehen. Wer es anders erwartet, den mag verblüffen, wie wenig das Gesehene mit dem Gehörten korrelieren muß. Und das ist keine Besonderheit dieser Filmbeispiele. Diese zeigen nur einen winzigen Ausschnitt der verblüffenden Möglichkeiten im Bereich Stimme.

Wenn sie helfen, den Blick für die Vielfalt zu öffnen und einen bestehenden Tunnel zu erweitern, dann haben sie ihren Zweck erfüllt.

Viel Spaß!

P.S.:

Sie kennen andere unterhaltsame Stimm-Mythen oder möchten mit mir übers Thema ins Gespräch kommen?  Senden Sie mir gern eine Mail!


Den Atem werfen

      Gern wird der so genannte “Atemwurf” geübt, nein, keine olympische Disziplin, es soll der Stimme zugute kommen.

      Dieser Film  zeigt, dass der Atemwurf einen vor allem kurzzeitig schwerer macht.

      Das Ausschlagen des Zeigers beim Atemwurf (auch in den verschiedenen Ausführungen - mit Kniebeugung oder - Streckung sowie ohne absichtliche Beinbewegung) zeigt, dass die aufgewendete Kraft nicht (nur) in Lautstärke umgewandelt, sondern auch gegen den eigenen Körper verwandt wird. Der plötzliche Ausschlag an der Waage zeigt eine Beschleunigung gegen den Boden, der nicht weicht. Derlei Gewichtszunahmen beobachtet man zwar zuweilen  - aber muß es deshalb so sein? ! Nein, denn:

    • Zu sehen ist im Filmchen weiterhin, dass eine solche Krafteinwirkung gegen das eigene Skelettsystem gar nicht vonnöten ist, um laut, und auch nicht, um plötzlich laut zu werden.

      Für eine ökonomischere Stimmgebung kann es nützlich sein, statt zu versuchen, die Atmung zu werfen (als wäre damit gleichsam auch der Klang besonders weit ins Auditorium geschleudert), sich auf den Klang zu konzentrieren. (Denn um den geht es ja dem Hörer, nicht um die Zwerchfellbewegung des Sprechers. Siehe auch den Artikel: Der Klang in der Stimmarbeit)

      Ein Weg ist, die Bereiche, die die Stimme tragfähig sein lassen, genauer hören zu lernen (z.B. den Sänger- Sprecherformant). Dazu gibt es eine Vielzahl an Übungen im Funktionalen Stimmtraining, auch auf diesen Seiten, etwa hier: Übungen zur Tragfähigkeit.

      Wie Luftstrom und Stimmlippenbewegung zusammenhängen - siehe dazu das Löffelexperiment.

      Die Übung kommt in unterschiedlichen Gewändern daher. Sie wird gern in Kreisspielen verwendet: “Ich werfe dir jetzt mal einen Impuls zu, gib ihn an deinen Nachbarn weiter - HEPP!” - oder ähnlich.

      Kostümierungen des Atemwurfs

      Den “Ton werfen” oder  “projizieren”, “in den Raum senden” oder die Phonation mit Fußstampfen begleiten - das sind Verwandte. Diese beinhalten noch weitere Vorstellungen, die das schiefe Bild stützen und die der Klärung bedürfen.  Der “Tonstrom” etwa spielt dabei wohl auch eine Rolle. Für eine Diskussion dieses Begriffes siehe z.B.  Heinz Stolze.

      Für Experten: Spannend ist auch, das Atemwerfen im Rahmen der Idee des Kehlkopfes als eines “Doppelventils” zu betrachten.


Sprechen und Atmung

      Atmung scheint für Viele eine Geheimdisziplin zu sein. Dass sie irgendwie mit der Stimmproduktion zusammenhängt, ist dabei allerdings offensichtlich.

      Und wäre es dann nicht auch noch schöner, die Bewegung entspräche dem Klang? Etwa so:

      Größere Bewegung =  größerer Klang?

      Denn die Bewegung der Bauchdecke  ist einfach  zu beobachten und deshalb auch leicht “in den Griff zu bekommen”. 

      Gern wird dementsprechend  eine große, sichtbare Bewegung geübt. (Siehe auch Video ”Atemwurf”). Als garantiere der große Ausschlag der Bauchdeckenbewegung einen großen Ausschlag in der Schwingungsamplitude?

      Wir haben einmal den “Vorhang” gehoben und den Bauch eines Schauspielers bei Rezitation eines klassischen Textes gefilmt. (Inklusive exklusiver Teil-Nacktaufnahme!)

       

      Wie Sie sehen, sehen Sie nicht viel, was die Bewegung der Bauchdecke angeht. Die Atembewegung ist ziemlich unauffällig, obgleich die Stimme nicht gerade leise ist und deutlich hörbar den Text in einzelne Abschnitte unterteilt, die jeweils neu angesetzt werden.

      Das ist  deutlich zu hören - nicht aber so sehr zu sehen.

      (Wohl nicht exklusiv) von Feldenkrais stammt die Idee, es könnte sinnvoll sein,  Bewegung im Körper zu verteilen. Statt in wenigen Teilen viel zu tun, lieber mehr Teile mitmachen lassen, die dann alle ziemlich wenig tun.  (So, wie es überhaupt sinnvoll sein kann, Kraftanforderungen eher großflächig verteilt, als konzentriert auf etwa einen Muskel zu beantworten.)  Daraus resultiert eine unauffällige und relativ unabhängige - sprich: freie - Atmung, der man den Klang, den sie produziert,  nicht ansieht...


Kräftige Artikulation

      Stimm- und Sprechbildung wird gern (oft auch als Erwartungshaltung seitens der Schüler, Coachees, Patienten!) mit einer Art Mundgymnastik gleichgesetzt. Dann geht es um kräftige und ausgeprägte Bewegungen, etwa von Lippen und Kiefer.

      Und scheint es nicht auch sonnenklar, dass man etwa die Lippen weit auseinanderziehen können müsste, um deutlich (ein “ee” oder “ii”) zu sprechen? (Man könnte meinen, Hören sei im Grunde Lippenlesen!)

      • Spielen Sie das Video zunächst einmal ab, ohne hinzuschauen.
        • So bekommen Sie einen vom Sehen unabgelenkten Höreindruck.
      • Stellen Sie dann Ihren Audioplayer mal auf “Stumm”.
        • Was würden Sie vermuten, wie beide Versionen klingen müssten nach dem, was sie sehen? Was würde der Artikulationslehrer raten?

     

      Sie sehen und hören:

      • Die Bewegung der Lippen (wie weit, wie kräftig?) oder analog die des Kiefers, verrät nicht unbedingt etwas über den hörbaren Stimmklang.
      • Im zweiten Fall, da die Lippen sich wenig bewegen, würden Viele beim bloßen Zugucken (Video stumm gestellt) vielleicht nicht vermuten, wie klar und prägnant tatsächlich gesprochen wird.

      Weiterer Rahmen - die Primärfunktion

      Wenn man sich klar macht, dass die an der Artikulation beteiligten Teile primär andere Aufgaben haben als Klangformung, dann kann man vielleicht besser verstehen, warum jemand “den Mund nicht aufmacht” und dass der Versuch, ein unwillkürliches Schutzmuster mittels willkürlicher Bewegung aufzuknacken, problematisch sein kann.

      “Primärfunktion” nennt man etwa die Brötchenzerkleinerungsaktivitäten und die zum Nahrungsmitteltransport in die Speiseröhre. Ebenso primär sind Lippen, Gaumensegel und Kehlkopf in Hab-Acht-Stellung um das Eindringen von Staub oder Wasser in die Lunge zu verhindern (Schotten dicht!).

      Man kann nun vermuten, dass diese physischen Schutzfunktionen auch in anderen Situationen anspringen als in jener raren, da man beim Sturm auf hoher See gerade über die Reeling seiner Yacht zu kippen droht. In Erwartung eines überkritischen Publikums, vor dem man gleich auftreten wird, etwa. Ein generelles Mißtrauen könnte einhergehen mit einem aktiviertem Primärprogramm - faß mich bloß nicht an! Komm mir bloß nicht zu nah!

      So gesehen berührt die Arbeit an der Öffnung und Weitung des Mundes (abgesehen davon, dass sie nicht notwendig ist) einen tiefen Aspekt des Menschen.  Die willkürliche Öffnung der äußeren Schutzsysteme (Lippen, Kiefer) könnte dazu führen,  dass nun die tiefer liegenden Teile (hintere Zunge, Rachen, Kehlkopf) noch mehr oder noch eher schließen, um die Schutzfunktion zu erfüllen. 

      (Zum Konzept der Primärfunktion siehe zum Beispiel auch: http://www.stimme-koerper-klang.de/html/stimulative_stimmpraxis.html . Stichwort “Es gibt kein Stimmorgan”.)

      Die Primärfunktion wird recht gut in “Der Sänger auf dem Weg zum Klang” von Gisela Rohmert, aber auch bei anderen “funktionalen” Autoren  beschrieben. Online z.B. auch hier.


Gerader Hals, aufrechter Kopf

    Es kursieren viele Vorstellungen, wie man sich oder manche Teile des Körpers zu halten habe, damit es richtig, gut oder physiologisch fürs Sprechen oder Singen sei. Ein flektierter oder extendierter Hals  (gebeugt oder gestreckt) - das kann doch nicht gut sein für die Stimme!

      “Der arme Resonanzraum, das Ansatzrohr - völlig verbogen, die armen Frequenzen zusammengestaucht...? - Die Luft kommt doch gar nicht mehr raus!”

       

     

    Auch dieser Mythos ist ein Beispiel dafür, dass es oft anders klingt, als es aussieht. Funktion ist nicht gleich Aussehen. Der Versuch, die Stimme über diesen Mythos zu entwickeln, führt im Erfolgsfall leicht zu schematischer Haltung und Mimik - also zu stereotypem Ausdruck:

       “Moment - ich muß erst meine Phonationshaltung einnehmen, dann werde ich auf Ihre Frage antworten”

    Das heisst nicht, dass man sich nicht sinnvoll mit der Haltung beschäftigen könnte, um das Sprechen und Singen, Vortragen und Präsentieren, Unterrichten und Tratschen zu entwickeln. Ganz im Gegenteil! Die Dinge liegen nur nicht so einfach, wie die “Haltung = Klang - These” verspricht.

      In der Praxis kann das übrigens sehr angenehm zu erfahren sein! Eine funktionale Körperarbeit im Zusammenhang mit dem Sprechen oder Singen - ähnlich dem Feldenkrais oder Alexandertechnik - kann süchtig machen!


Hier ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig man manchmal sieht, was man hört. Aus der flirrenden wirklichen Welt der stimmlichen Möglichkeiten.

Tipp: Schalten Sie das Video beim ersten Anschauen auf “stumm”. 

 

 

 

 

 

 

 

 

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